WAS VOM LEBEN ÜBRIG BLEIBT…

WAS VOM LEBEN ÜBRIG BLEIBT…

landet oftmals auf dem Müll.

Traurig, aber leider wahr.

Eine Nachbarin ist gestorben.

Allein stehend.

Ihr Mann liegt seit ein paar Jahren auf dem Friedhof.

Kinder hatte sie, aber die wollten schon Jahre lang keinen Kontakt mehr mit ihr haben.

Sie war nicht die netteste Person.

Sie meckerte, wo sie nur konnte.

Über Kleinigkeiten.

Wer die Kehrwoche nicht einhält, war natürlich unten durch und musste direkt gemeldet werden.

Was darin resultierte, das Menschen so schnell wie möglich das Weite suchten.

Auch ich.

Deswegen kann ich es sehr gut verstehen, das ihre Kinder Abstand genommen haben! 

Von mir kommt weder Abwertung oder Schuldzuweisung!

Es ist oftmals ein Selbstschutz, wie bei diesen Kindern,  immer wieder erniedrigt zu werden, sich Meckereien an zu hören und nichts gut machen zu können, nagt an der Substanz.

Da ist es aus professioneller Sicht gut, sich von diesen Menschen zu trennen.

Auch wenn das in der Gesellschaft nicht gerne gesehen wird!

Oder besser gesagt verschwiegen wird!

Welch eine Schande!

Aber ihr könnt mir glauben, das passiert viel öfters wie gedacht!

Ich kenne viele Patienten, wo ein großes Durchatmen im Behandlungsteam geschieht, wenn sich ein Patient nach vielen Jahren aus einer destruktiven Beziehung lösen kann!

Dadurch wird Raum für ein eigenes Leben geschaffen und das ist gut so!

Wie unglaublich belastend es sein kann, den Besitz von „schwierigen“ Familienangehörigen durch zu sortieren, wird ganz klar unterschätzt.

Darum finde ich Entrümplungsunternehmen eine Wohltat!

Jetzt werden die Besitztümer von meiner Nachbarin, von fremden Menschen, in einen Umzugswagen mit Anhänger verladen.

Ich habe bei den sechs Männern nach gefragt, die seit den frühen Morgenstunden, bis in den späten Abend damit beschäftigt waren alles aus zu räumen.

Ich dachte, das im großen Wagen, Dinge für den Second Hand Laden und im Kleinen Gegenstände für die Müllhalde sind.

NEIN.

Es ist genau anders herum.

Der große Wagen geht zum Müll.

Der Inhalt des Anhängers wird verscherbelt.

Es sieht nicht danach aus, das da viel dran zu verdienen ist.

So ist es und nicht anders.

Das ist die Wahrheit.

Nichts als die Wahrheit und es lässt sich nicht beschönigen.

Ihr Nachlass interessiert niemand.

Er ist Ballast.

Alles!

Dieser Moment stimmt mich traurig.

Eine Konfrontation mit meiner Sterblichkeit.

Ich arbeite gerne mit alten Menschen.

Ich habe im Altersheim, mit meist geistig fitten Bewohnern, als Musiktherapeutin gearbeitet.

Musik ist ein wunderbares Mittel um Erinnerungen hervor zu rufen.

Ein Geschenk um in Kontakt zu kommen, mit den älteren Herrschaften.

Musik macht traurig: „Das „Ave Maria“ erinnert mich an die Beerdigung meiner Tochter!“

Tränen fließen.

Musik entspannt: „Wie wunderbar, diese Musik lässt mich tief durch atmen und den Moment bewusst erleben!“

Musik macht wütend: „Stellen Sie bloß dieses schreckliche Lied aus, das erinnert mich an meinen Exmann!“

Musik macht glücklich: „Wissen Sie, bei diesem Lied habe ich meinen Mann kennen gelernt! Auf einem Tanzfest! Er hat mich aufgefordert und wir waren sofort verliebt!“

Musik hat Humor und bringt Spaß: „Wie fantastisch, Sie singen mit uns „Marmor, Stein und Eisen bricht!“ Das waren tolle Zeiten! Nächtelang war ich unterwegs mit Freundinnen, wir haben gelacht und hatten Spaß bis in die Morgenstunden!“

Ich gebe es zu, die Arbeit als Musiktherapeutin, hat deutliche Nebenwirkungen!

Wenn ich mich ertappe, das ich auf dem Fahrrad so richtig gut gelaunt, laut, also nicht nur in meinem Kopf: „Tulpen aus Amsterdam“ singe, schaue ich mich verstohlen um, ob mich jemand erkannt hat!


 

 

Mir fällt auf, das es für die meisten Bewohner extrem schwer ist, sich von ihrem Besitz zu trennen!

Sie haben es nie geübt oder gelernt.

Es ist die Generation, die große Entbehrung durch den Krieg erlebt hat.

Viele haben gehungert und gefroren.

Arbeit war oft körperlich hart und Konsum war schlicht und einfach teuer!

Wie könnten sie da alte Einmachgläser mit Möhren weg tun, das ist doch für schlechte Zeiten!

Diese warme Decke kann wirklich nicht weg, was ist, wenn ich es kalt habe?

Der Gedanke, das brauche ich eventuell noch, hat sich durch die Erfahrung der Entbehrung in ihren Köpfen fest gesetzt.

Wenn ich es nicht brauche, dann doch sicher meine Kinder oder Enkel.

Das wir alles schon haben oder von allem zu viel besitzen wird nicht bedacht.

Irgendwie ist der Einrichtungsstil ja auch Geschmackssache!

Plötzlich kommen sie in ein Altersheim, manchmal durch einen Sturz, Erkrankung oder weil der Partner stirbt.

Wenige gehen hin, weil sie wollen.

Die Realität macht ihnen ein Strich durch die Rechnung.

Das Alter ist da.

Was sollen sie in ein Miniappartement oder ein Zimmer im Altersheim mit nehmen?

Eine große Überforderung.

Es ist nicht „nur“ die Herausforderung sich mit einem neuen Lebensabschnitt, der eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen, sondern auch mit dem Besitz.

Das ist für viele zu viel!

Eine klare Überforderung!

Wie schön und entspannter wäre es, wenn frühzeitig Dinge los gelassen würden?

Wenn Familie und Freunde gefragt würden, ob sie denn noch den einen oder anderen Gegenstand haben wollten oder eben nicht!

 


 

Jetzt arbeite ich auf einer geschlossenen Station, mit dementen Menschen.

Ich gehe mit meiner Gitarre zur Kaffee und Kuchenzeit auf die Station.

Es ist ein ungezwungenes Zusammensein.

Besuch darf sich gerne dazu setzten und mit singen.

Ich erlebe da viel.

Zum Beispiel: Patienten die plötzlich das Tanzbein schwingen!

Unterschiedliche Momente, genauso wie unterschiedliche Menschen:

Ein Mann meckert nicht nur die Milch an, mit der irgendetwas falsch ist,

sondern auch mich: „Was sie schon wieder mit ihrer Gitarre! Was soll das denn! Ich möchte hier in Ruhe meinen Kuchen essen, gehen sie weg!“

Ich empfinde es nicht als seltsam, das er keinen Besuch bekommt…

Mir fällt auf, das eine Frau sehr viel Besuch bekommt.

Nicht etwa von Familie.

Sie ist allein stehend.

War ihr Leben lang eine erfolgreiche Geschäftsfrau.

Hat sich bewusst gegen Kinder entschieden.

Hat aber einen großen Freundeskreis und alte Geschäftskollegen kommen regelmäßig, mit ihrem Lieblingskuchen zu Besuch.

Es ist wunderschön, wie herzlich sie ihren Besuch empfängt.

Sie umarmt ihre Freunde von Herzen.

Strahlt sie an und genießt den Moment miteinander!

Ich habe das Glück, das sie mich an der Gitarre erkennt.

Wenn ich ihr im Gang begegne, hackt sie sich bei mir ein und wir gehen gemeinsam zum singen.

Therapeuten sollten ja keine Patienten bevorzugen.

Aber ich muss es zugeben, ich sitze nicht so gerne neben dem Mann der die Milch an meckert!

Ich sitze viel lieber neben der Frau die mich anstrahlt und sagt:

„Ach was, gehen Sie doch noch nicht! Eine Zugabe bitte!“

Irgendwie kann ich ihr nicht wieder sprechen…


 

Ein  fantastisches Projekt finde ich: Music and memory! 

Hier siehst Du ganz deutlich die Wirkung von Musik!

Meine Freundin: Musiktherapeutin Manon Bruinsma verbreitet dieses Verfahren in Europa. 

Sie geht zu Altersheimen und Gerontopsychiatrien, hält Vorträge und sammelt (alte) Ipods!

Ich hoffe das sich dieses Projekt immer mehr in Deutschland durch setzt!

http://www.centertv.de/2017/01/09/music-and-memory/

 

 

2 Gedanken zu “WAS VOM LEBEN ÜBRIG BLEIBT…

  1. Namika sagt:

    Das erinnert mich an eine alte Frau, die sehr krank war und ein halbes Jahr schon nichts mehr gesprochen hatte. Als ihre Tochter ihr aber ein Lied aus ihrer Jugendzeit vorsang schaute sie sie an und sagte: „Du bist ja vollkommen verrückt geworden.“ (Auf der Trauerfeier sagte ihre Tochter: Das war das letzte, was sie von ihr gehört hat. Und es war gleichzeitig lustig und traurig.) Es ist wundervoll, was Musik vermag.

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