ZUFALLSBEGEGNUNG MIT EINER 77 JÄHRIGEN REISELUSTIGEN MINIMALISTIN…

ZUFALLSBEGEGNUNG MIT EINER 77 JÄHRIGEN REISELUSTIGEN MINIMALISTIN…

In der Sonne sitze ich auf einer Parkbank und schaue auf einen Fluss. Sehe die Bote, die vorbei fahren, wundere mich woher sie kommen, wohin sie fahren und was sie transportieren.

Da fragt mich eine ältere Dame, ob sie sich zu mir setzen dürfte.

Natürlich! Langsam kamen wir in ein Gespräch. Sie erzählte, das sie ein paar Tage ihre Freundin besucht und ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. Wir tauschten uns über das historische Zentrum aus, die vielen kleinen Geschäfte und die Lebensqualität einer schönen Umgebung.

Ihr Ehemann sei vor einigen Jahren leider verstorben. Sie vermisse ihn und die schönen Momente zusamment: „Wissen Sie, mein Mann und ich hatten genau EIN Hobby und das war reisen! Es ist so wunderbar, das wir Beide das durch und durch liebten. Mein Mann war Professor der Geschichte. Er brannte darauf neue Kulturen kennen zu lernen! Darum steckten wir jeden Pfennig in unsere Urlaubskasse! Wir wollten nur eins: reisen!“

„Das hört sich aber sehr interessant an! Waren Sie schon immer reise lustig?“

„Ja, das reisen liegt mir im Blut. Ich bin auf dem Dorf auf gewachsen und war immer irgendwie komisch. Zum Glück haben meine Eltern mich so geliebt und akzeptiert wie ich war. Meine Eltern und Geschwister haben Deutschland nie verlassen und haben sich viel Sorgen über mich gemacht. Mit 18 Jahren hatte ich genau 50 D-Mark gespart. Ich fuhr nach Hamburg und habe auf einem Transportschiff gefragt, ob ich gegen Arbeit eine Überfahrt nach Amerika bekommen könnte. Das hat geklappt und so bin ich einfach so nach Amerika aus gewandert!“

Meine Augen wurden vor Erstauen groß: „Das ist ja ein Abenteuer! Wie kamen Sie denn da drauf?“

„Keine Ahnung, ich wollte neue Kulturen und Menschen kennen lernen! Irgendwie habe ich mich immer durch geschlagen, auch in Zeiten in denen es richtig knapp wurde! Ich wusste, das ich es irgendwie schaffen werde auch in sehr schweren Zeiten! Ich habe oft Geld verliehen und es nie wieder zurück gesehen. Genauso oft habe ich mir Geld geliehen und es nicht zurück gezahlt…“ Das sagt sie mit einem verträumten Lächeln im Gesicht…

„Welche Länder haben Sie gesehen?“

„Nach zwei Jahren in Amerika, bin ich nach Südamerika gegangen. Danach war ich mehrere Jahre in Asien. Mein Glück war das ich sehr gut Sprachen lernen konnte und dadurch als Übersetzerin gearbeitet habe. Nach ein paar Jahren bin ich aber wieder weiter gereist. Ich musste reisen. Es war mir egal wie, mit Bus, Zug, Schiff zu Fuß im Himalaya von Jurte zu Jurte. Durch Schnee, Wüste, Berge egal was Hauptsache unbekannt. Mit meinem Mann bin ich Einbaum gefahren, habe Dschungel durch wandert, war in Papua Neu Guinea. Ich war überall außer am Nord- und Südpol und in Kasachstan.“

„Wo würden Sie gerne noch einmal hin?“

„Eindeutig in der Wüste! Aber in eine Richtige! Diese Weite und Ruhe unbeschreiblich!“

„Wo haben Sie gewohnt?“

„Überall und nirgends. In Amerika war ich Babysitterin und habe bei den Menschen gewohnt. Besessen habe ich nie viel! Ich habe mir in Südamerika in einem Einzimmerappartement ein Regal aus Steinen und Brettern gebaut und mir irgendwo ein altes Bett besorgt. Ich wusste ja ganz genau: Sobald mich das Reisefieber wieder packt, kann ich nicht viel mit nehmen. Alles wird verschenkt oder entsorgt! Aber glauben Sie mir, es war richtig gemütlich. Das fand wahrscheinlich nicht jeder, aber ich fand es toll. Ich hatte alles was ich brauche und so mache ich es Heute immer noch! Ich habe sehr wenig! Meinen Lebensstil habe ich nie bereut. Mein Freund reist gerne, aber will auf keinen Fall mehr so weit reisen wie ich das gemacht habe. Jetzt bin ich 77 Jahre alt und da bin ich mit „normaleren“ und „sichereren“ Zielen zufrieden. Ich habe ALLES gesehen was ich wollte. Ich brauche nicht mehr!“

Ich denke mir: „Was für ein erfülltes Leben!“

„Das ging auch nur, weil ich keine Kinder habe! Sonnst wäre das nicht möglich gewesen, so viel zu reisen und die Welt zu sehen!“

„Wollten Sie nie Kinder haben?“

„Doch, mit einem Exfreund wollte ich Kinder haben. Das hat nicht geklappt. Damals war ich darüber traurig. Heute bin ich sehr froh, das ich keine Kinder habe. Sonnst hätte mein Leben ganz anders aus gesehen. Mein Leben war und ist gut so!“

„Gibt es Länder, die Sie nicht nochmal sehen wollen?“

„Auf keinen Fall Japan. Die Menschen kreieren einen Abstand durch erlernte Freundlichkeit. Mit ihnen wirklich in Kontakt zu kommen, war sehr schwer, eigentlich unmöglich. Diese Energie rein stecken, nur um eine „echte“ Begegnung zu haben wäre mir Heute eindeutig zu anstrengend!

Russland will ich auch nicht mehr zu sehen, da haben sie mich drei Tage in Untersuchungshaft gesteckt! Das war so entsetzlich! Bis Heute weiß ich nicht warum! Vielleicht dachten sie, das ich eine Spionin wäre…“

„Wie war das für Sie mit Essen?“

„Ich habe ALLES gegessen. Ich wollte die Welt schmecken! Das war fantastisch! Mein Magen ist anscheinend aus Stein, ich konnte alles essen! Nur einmal habe ich mir in Asien Parasiten eingefangen, als ich Insekten gegessen habe! Die waren aber echt lecker und super knusprig! Im Nachhinein, war es die Erfahrung vielleicht sogar wert! Das Einzige was ich nicht gegessen habe war, als mir Menschenfleisch in Papua Neuguinea angeboten wurde! Da hat sich mir mein Magen umgedreht!“

„Über Amerika habe ich mich vor kurzem so geärgert. Ich hatte einen neuen Reisepass und erst vier Stempeln drin: Iran, Jordanien, Jemen und Israel. Meinen alten Reisepass hatte ich natürlich nicht dabei um zeigen zu können, das ich die ganze Welt bereise! Da fischt mich so ein junger Polizist raus, nimmt mich mit in den Verhörraum und fragt mich: „Wie kommen Sie auf die Idee DIESE Länder zu bereisen? Führen Sie etwas im Schilde?“

Gerne hätte ich gesagt: „Wissen Sie junger Mann, diese Länder haben kulturell und menschlich sehr viel zu bieten und nicht jeder ist ausschließlich an ihrer Hamburger Kultur interessiert! Zum Glück konnte ich meinen Mund halten, sonnst hätte ich meinen Anschlussflug ganz sicher verpasst!

Ich wurde gezwungen meinen Koffer zu öffnen und wurde auf unangenehme Art und Weise gefilzt, ich wollte ja nicht einmal in die USA einreisen, sondern nur umsteigen!“

Da Piepst es in ihrer Handtasche. Sie zieht ihr Smartphone heraus und schaut ihre WhatsApp Nachrichten an. Ihre Freundin wartet auf Sie… ich lächle und denke: „Was für eine weltoffene und moderne Frau!“

Zum Abschied sagte sie: „Wissen Sie, natürlich habe ich wenig Besitz, aber meine vielen Erinnerungen habe ich im Herzen, die kann mir Niemand weg nehmen und dafür bin ich dankbar!“

Dazu kann ich nur sagen, ich bin glücklich über diese Begegnung, die ich nicht vergessen werde!

Oh ja, von Minimalismus hatte Sie noch nie etwas gehört… aber wenn das keine Minimalistin ist, weiß ich auch nicht!

 

8 Gedanken zu “ZUFALLSBEGEGNUNG MIT EINER 77 JÄHRIGEN REISELUSTIGEN MINIMALISTIN…

  1. Alexandra sagt:

    Wow, eine beeindruckende Geschichte. Es zeigt mal wieder was wichtig ist im Leben. OK, vielleicht nicht für jeden, aber toll, wenn sich erstens zwei Menschen begegnen die beide die gleiche Priorität haben und diese dann auch leben.

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  2. Anna sagt:

    Wie immer total schön zu lesen, fast wie ein Interview! Ein bisschen anders wie sonst dein Schreibstil, ich meine, in deinen Beiträgen schwingt immer der Minimalismus-Stil mit. Das ist total spannend, weil es ist, als würde man deine Handschrift rauslesen. Dieser Beitrag ist anders, aber trotzdem genauso gut 🙂 .

    Gefällt 1 Person

  3. Nanne sagt:

    Was für eine schöne Begegnung und für eine tolle Frau! Da steckt ja auch wirklich unendlich viel Mut hinter – mit den Reisenden heute überhaupt nicht zu vergleichen. Einfach mal mit einem Schiff nach Amerika auswandern…

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