NORMALERWEISE TOFU, HEUTE TRADITIONELLE FLEISCHBRÜHE…

NORMALERWEISE TOFU, HEUTE TRADITIONELLE FLEISCHBRÜHE…

Wenn ich auf reisen bin, suche ich mir vegane Restaurants im Internet raus, da schmeckt es mir eindeutig am Besten und mein Körper ist es einfach gewöhnt.

Ich esse nur ausnahmsweise Fleisch, eigentlich so gut wie nie…

In einer bayrischen Kleinstadt gab es sage und schreibe nichts was vegan oder „wirklich“ vegetarisch war. Ich konnte im Internet nichts finden! Null, Komma null!

Da Plan A nicht funktioniert, schalte ich auf Plan B. Traditionelles Essen.

Ich stapfe durch das bayrische Städtchen und sehe genau das richtige Versuchsobjekt für mich. Ein bayrisches Bierhaus, mit einheimischer Küche, in der vor allem die lokale Bevölkerung isst.

Ich trete ein und bin erst einmal überwältigt. Der Raum ist halbvoll, mit vielen größeren Gruppen. Ich bemerke das es nur große Tische gibt. Keine zweier- oder vierer Tische. Nein, sechser, achter und zehner Tische. Menschen essen hier in großen Gruppen und keines falls alleine.

Ein Kellner kommt freundlich auf mich zu. Ich sage: „Entschuldigen Sie bitte, darf ich hier auch alleine essen?“

Der Kellner lacht herzlich und sagt laut und deutlich, das es aber wirklich JEDER hören kann: „Natürlich nicht! Hier dürfen Sie erst ab vier Personen essen!“ Der ganze Saal lacht und ich sage: „Mmmmh, na super ich komme nicht von hier!“ Als ob das nicht schon JEDER gewusst hätte! Natürlich falle ich gleich auf! Ich darf mich alleine an einen freien zehner Tisch setzen. Mit meinem schwäbischen Herz hatte ich auf Käsespätzle gehofft, ich bin ja schließlich in Süddeutschland! Nein, natürlich nicht: ich bin in Bayern, es gibt Schweinzhaxe und Co. Brezel und Weißwurst!

„Oh je“, denke ich… „was kann ich hier bloß essen?“

Zuerst bestelle ich mir ein Glas Rotwein:

„Was für einen Rotwein wollen Sie gnädige Frau?“

„Einen Regionalen, bitte.“

Der Kellner sehr laut: „Ah ha, die gnädige Frau möchte einen regionalen Rotwein… Welchen denn?“

„Keine Ahnung ich kenne mich hier ja nicht aus!“

(Allgemeines Gelächter!)

„Oh ja, Sie sind ja von Auswärts! Also vom Ausland! Einen lieblichen oder trockenen?“

„Einen Trockenen bitte.“

Also wirklich: Ich sitze im Bierhaus und bestelle einen Wein! Welch ein Frevel von mir… Ich schaue mich um und bemerke das wirklich JEDER Bier trinkt!

Ich vertiefe mich in die Speisekarte. Es gibt eine normale Schweinshaxe und eine Schweinshaxe für den „echten Mann“, ab 20 Personen kann ein GANZES Spanferkel am Spieß bestellt werden! Ich denke, wie in aller Welt können 20 Menschen ein GANZES Schwein aufessen, das ist doch einfach unmöglich! Das geht doch nicht!

Am Nebentisch wird einer Frau eine Schweinshaxe serviert, nicht die „für den echten Mann“… Ich bin überwältigt von der Größe der Haxe! Sie schwimmt in Soße, mit ein paar Kartöffelchen drum herum. Kein Gemüse… Die Frau schaut erstaunt auf ihren Teller und lächelt mich an, anscheinend ist sie auch nicht von hier. Ich frage durch den Raum: „Entschuldigen Sie, darf ich mir ihre Schweinshaxe einmal Näher anschauen, so etwas habe ich noch nie gesehen! Wie Sie wissen, ich bin ja nicht von hier!“ (Allgemeines Gelächter!) „Na klar, kommen Sie her!“ Sie ist echt enorm groß! Ich frage: „Die sieht so knusprig aus, ist der Fuß in einem Teigmantel?“ Ein Metzger vom Nebentisch schaltet sich ein: Nein die Haut wird eingeritzt und darum wird sie so knusprig! Er erzählt, das es sein Schwein war und er es geschlachtet hat.

Der Kellner kommt vorbei und sagt zu der Frau: „Ach was, die Schweinshaxe ist für Sie? Ich dachte die wäre für Ihren Mann! He Kerl, die Frau musst Du Dir echt behalten! So Eine kriegst Du nicht schnell wieder! Du isst ja auch wirklich ein Frauengericht!“ (Allgemeines Gelächter!)

Ich weiß hundertprozentig sicher, das liegt außerhalb meiner Möglichkeiten so etwas zu essen. Mein Magen ist es gewöhnt kleine Portionen zu verarbeiten und diese Fleischmasse ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit.

Da sehe ich eine Leberknödelsuppe. Ich denke zurück an meine Oma, die jeden Sonntag groß für uns Mittagessen gekocht hat. Traditionell ging mein Vater am Sonntag mit meinem Opa, seinen Brüdern und Schwagern zum Frühschoppen. Wer das nicht kennt in Schwaben, trifft „Mann“ sich nach der Kirche zum Bier trinken, also Frühschoppen in einer Kneipe. Die Kirche haben wir nie gesehen, aber die Kneipe oft. Ich ging gerne mit, ich habe meistens eine warme Schokolade oder ein Eis bekommen, darauf war ich richtig scharf und ich habe gerne mit meinen Onkeln gespielt.

Punkt 12 Uhr wurden wir zum Mittagessen von meiner Oma erwartet. Es gab Vor-, Haupt- und Nachspeise. Sie hat alles von der Basis gekocht. Für die Fleischbrühe kochten stundenlang echte Knochen und Gemüse im großen Suppentopf und die Leberknödel hat sie Selbst gemacht. Mir hat es immer richtig gut geschmeckt!

Ich bestelle mir die Leberknödelsuppe und fühle mich bei dem ersten Löffel um Jahre zurück versetzt in meine Kindheit. Sie schmeckt mir wirklich richtig gut! Sie wurde mit Sorge gemacht und viel Zeit! Ich denke zurück an meine Oma, die stundenlang in der Küche stand, um uns zu verwöhnen und bin dankbar, das ich dies erleben durfte. In einer bayrischen Kleinstadt ohne Veganer um die Ecke! Eine kulinarische Erinnerung der besonderen Art.

Ach ja, die Suppe ist ja nur eine Vorspeise…

„Was gnädige Frau, Sie wollen nicht mehr essen? Sie fallen ja sonnst vom Fleisch! Nein? Wirklich nichts mehr? Auch keinen Nachtisch? Na gut!“

Ich merke wie sehr sich meine Essgewohnheiten verändert haben und meine Portionsgröße. Ich merke wie Anders Norddeutschland ist, wie ruhig und zurück haltend und wie direkt es manchmal in Süddeutschland einher geht…

Wie fantastisch ist das denn,  das Erinnerungen, Emotionen oder Gefühle durch einfache kleine Dinge hervor gerufen werden können! Sei es eine Landschaft, ein Geruch, ein Essen, eine Umgangsform, Musik, Kunst oder Kontakt mit Menschen… und bei mir dann unerwarteter Weise Erinnerungen durch eine Leberknödelsuppe!

Ich erinnere mich an meine Vergangenheit: Ich habe mich wohl gefühlt! Danke!

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