MINIMALE AKZEPTANZ: HOMO IN BAYRISCHER KLEINSTADT… UND DAS DING MIT DER KIRCHE…

MINIMALE AKZEPTANZ: HOMO IN BAYRISCHER KLEINSTADT… UND DAS DING MIT DER KIRCHE…

Nachdem ich in dem Bayrischen Bierhaus meine herrliche Leberknödelsuppe aufgegessen habe, höre ich an einem Nachbartisch einen niederländischen Akzent. Ich liebe es mit Niederländern zu sprechen. Irgendwie gibt es mir ein warmes Gefühl, da mein Mann Niederländer ist und ich 13 Jahre in diesem schönen Land gewohnt habe. Außerdem interessiert es mich immer wie Niederländer in verschiedenen Ländern leben und sich fühlen.

Ich gehe rüber und sage:
„Entschuldigung, ich glaube Sie sind Niederländer. Darf ich Sie stören? Wohnen Sie hier oder sind Sie im Urlaub?“

„Nein, ich wohne hier seit über 20 Jahren.“

Ich darf mich zu ihm setzen und wir wechseln ins Niederländische (das erspare ich Euch natürlich) und gleich ins Du, weil irgendwie ist das in NL normal:

„Wie geht es Dir als Niederländer in so einer kleinen bayrischen Stadt?“

„Mir gefällt es unglaublich gut. Die Landschaft ist fantastisch, das Klima ist toll, die Altstadt ist wunderschön und es gibt viele kulturelle Angebote. Hier wird sehr auf Traditionen und Familie geachtet. Mein Frisörsalon läuft super und ich habe weltoffene Kunden, die Anderen kommen zu mir erst gar nicht, da ich Homosexuell bin, das gibt eindeutig Probleme, an die ich zuvor nicht gedacht habe, als ich hierher kam!“

„Oh ja, das kann ich mir vorstellen! In den Niederlanden ist es ja sehr liberal was das angeht!“

„Das kann ich leider nicht bestätigen. Ich bin in einer extremen Christlichen Gemeinde aufgewachsen. Habe als Grundschullehrer gearbeitet und war ein respektiertes Mitglied der Kirche! Das hat sich drastisch geändert als ich mit 28 Jahren meine sexuelle Orientierung nicht mehr verbergen konnte. Ich wurde aus der Kirche und Schule ausgeschlossen! Von einem Tag auf den anderen habe ich alles verloren, Familie, Freunde, meine Stabilität. Ich fühlte mich wie ein Ausgestoßener es war schrecklich. Ich habe vor Gericht geklagt und gewonnen, dadurch durfte ich an meinen Arbeitsplatz zurück kehren, ich musste ja Geld verdienen. Allerdings war es schrecklich, ich war eine Beschmutzung des Allgemeinwohls! Eltern haben ihre Kinder von der Schule genommen oder lange krank gemeldet. Darum habe ich nebenher eine Ausbildung zum Frisör gemacht und zum Glück konnte ich nach Deutschland emigrieren.“

„Wie kamst Du denn darauf in eine Kleinstadt zu gehen?“

„Keine Ahnung das war eine Bauchentscheidung. Ich wollte einfach nur weg! Außerdem bin ich in die katholische Kirche eingetreten. Die erschien mir viel Liberaler, da habe ich mich getäuscht!“

„Wieso denn in die katholische und nicht in die evangelische Kirche?“

„Ich liebe die Rituale und die Musik, das war der Grund für mich nicht in die evangelische Kirche einzutreten…“

„Leider bin ich auch hier, als gläubiger katholischer homosexueller Kirchgänger eine Abart. Mir wird der Brudergruß verweigert, Christen weigern sich mir die Hand zu geben, als ob ich dreckig bin!“

„Wie ist das denn, lebst Du mit einem Partner zusammen?“

„Leider nein! Vor einigen Jahren war ich schwer verliebt in einen Mann, der hier aufgewachsen ist und in eine Großstadt geflohen ist! Er war verheiratet und hat einen Sohn, irgendwann konnte er seine Fassade nicht mehr aufrecht erhalten und alles ist aufgeflogen. Es war ein Skandal, da er aus einer reichen respektierten Familie kam. Eine Schande für die Gesellschaft! Jahre nach seinem Coming out war er hier auf Besuch bei seinen Eltern und wir haben uns verliebt, es war eine tolle Zeit, allerdings wurden die Gerüchte groß, als wir ein paar Mal zusammen durch die Stadt gelaufen sind. Es wurde geflüstert und getratscht: „Hast Du den Frisör gesehen, der hat jetzt was mit dem reichen Schwulen, der seine Familie in Stich gelassen hat, wie widerlich!“ Er hat unsere Beziehung beendet, er sagte er könne den Druck der Gesellschaft nicht aushalten und er verstehe nicht, wie ich hier bleiben könne!“

„Das finde ich wirklich sehr traurig für Dich!“

„Ja, ich überlege mir seit einiger Zeit zurück zu gehen in die Niederlande! Allerdings in eine tolerante Stadt! In eine Stadt in der ich mit einfach nur Leben darf ohne immer wieder schräg angeschaut zu werden! In der die Akzeptanz maximal und die Abweisung minimal ist! Das wäre eine große Erleichterung für mich!“

„Das wünsche ich Dir, das das klappt!“

Der Kellner kommt vorbei und schaut uns mit großen Augen an, zum Glück konnte er ja unser Gespräch nicht abhören, da es in Niederländisch war:

„Na ihr süßen Turteltäubchen, soll ich Euch Mal einen Champagner bringen?“

(Übertriebenes Zwinkern!)

„Nein, vielen Dank!“

„Ja, aber ihr seht doch so süß zusammen aus! Das wird noch eine tolle Nacht!“

„Glauben Sie mir, ich bin verheiratet und habe kein Interesse!“

„Ja, aber gnädige Frau, wo ist denn ihr Gatte?“ (Oh ja, natürlich ist es SEHR ungewöhnlich, das ich mich ALLEINE in eine Gaststätte begebe und mich dann auch noch zu einem fremden Mann setze… pfui, pfui!)

„Der ist in Bremen…“

„Aber Sie tragen ja gar keinen Ehering, also da stimmt was nicht!“

„Ich gebe zu: wir sind nicht so traditionell und tragen keine Ringe, aber ich werde einen Teufel tun und auf keinen Fall fremd gehen!“

„Aha, wissen Sie was, das wird noch was, ich habe ja schon gehört das sie in der Nähe von Deiner Wohnung übernachtet, da kannst Du sie ja dann nach Hause bringen!“

(Allgemeines Gelächter!)

Wir bestellen uns einen Schnaps, nach dem Motto: er zufrieden, wir zufrieden und na klar er hat was Neues für die Gerüchteküche!

(Stell Dir vor: Unser Homo hat ´ne junge Frau abgeschleppt! Ich hab es echt gesehen!)

Durch meinen künstlerischen und therapeutischen Hintergrund, meine Weltoffenheit und Neugierde waren für mich Homosexuelle, Lesben und Transsexuelle immer ganz normale Menschen. Meine Einstellung war schon immer eine minimale Abweisung und eine maximale Akzeptanz von Randgruppen.

Ich verstehe nicht, das Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung abgewertet und ausgeschlossen werden. Eine genetische Anlage, gegen die sich Niemand wehren kann und sollte. Meiner Meinung nach ist es viel schlimmer, wenn Menschen mit einer Lüge leben müssen!

Es ist gar nicht so einfach wie ich dachte! Besser gesagt ich habe lange nicht mehr darüber nach gedacht, wie es Homosexuellen in Kleinstädten gehen kann. Die letzten 20 Jahre habe ich in weltoffenen Gegenden gelebt, mit homosexuellen Kollegen und Freunden. Für mich ist das eine Normalität, das ich daran keine Gehirnaktivität mehr verwendet habe!

Natürlich sehe ich immer wieder tragische Beispiele im psychiatrischen Alltag. Vor allem mit Menschen, die aus sehr religiösen oder traditionellen Familien kommen (egal welche Religion) und wo die Ehepartner oder die Eltern darauf bestehen, das wir die „Krankheit der Homosexualität“ austreiben sollen! Wobei „nur“ darauf hingewiesen werden kann, das wir aus professionellem Standpunkt eine andere Meinung vertreten und das Homosexualität auf keinen Fall eine Krankheit ist!

Übrigens kenne ich auch viele junge Menschen, die ganz offen darüber sprechen, das sie Homosexuell sind! Darüber bin ich wirklich glücklich! Meiner Meinung nach hat social media dabei echt Mal geholfen!

Ich erinnere mich an ein Ereignis vor über 20 Jahren im Schwabenland, ebenfalls in einer Kleinstadt in der ich aufgewachsen bin. Durch meinen klassischen Gesang habe ich bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen gesungen. Ich wurde von einer jungen Frau gebucht, ich nenne sie Inka, für die Beerdigung ihrer Mutter. Zwei Jahre später buchte sie mich erneut, für die Beerdigung ihres Vaters.

Da ich in der Kirche auf der Empore stand, hatte ich beide Male einen Blick auf die Trauergemeinde. Inka saß ganz steif in der ersten Reihe und Bianca saß unnatürlich weit entfernt neben ihr. Mein Gefühl sagte mir, das etwas nicht stimmte. Sie kamen danach zu mir und bedankten sich. Ich kannte Inka schon lange vom sehen, da ich in Ihrem Geschäft regelmäßig einkaufte.

Eines Tages begegnete ich Inka mit Bianca, in einem Supermarkt. Wir unterhielten uns freundlich und ich fragte wie es ihren geht! Wir verabschiedeten uns. Auf dem Parkplatz dachte ich mir: „Ach was, ich will wissen, ob mein Gefühl stimmt und sie lesbisch sind!“

Ich passte sie ab und sagte: „Ich stelle euch jetzt eine vielleicht komische Frage! Aber irgendwie fühle ich, das ihr mehr seit als Freundinnen. Sagt Mal seit ihr lesbisch?“

Sie schauen sich total verschreckt an!

Dann nickt Inka aber und sagt: „Ja das stimmt. Wir verheimlichen es vor der Außenwelt! Wir wollen uns gar nicht vor stellen was an unseren Arbeitsplätzen geschehen würde und was unsere Familien denken würden, wenn sie es wüssten! Das wir lesbisch sind, wissen nur eingeschworene Freunde! Na ja und jetzt Du!“

„Das hört sich ja ganz schrecklich an! Ich habe es bei den Beerdigungen gesehen und gefühlt das ihr zusammen gehört, das ihr eine Einheit seit! Es tut mir wirklich leid, das ihr das hier nicht leben könnt!“

„Stelle Dir vor, wir haben Beide eine eigene Wohnung, aber im gleichen Haus und nebeneinander! Wir passen immer auf, das Beide Wohnungen bewohnt aussehen und das wir in der „eigenen“ Wohnung sind, wenn Menschen zu Besuch kommen! Wir erschrecken uns, wenn jemand unerwartet vor der Türe steht auch wenn es nur der Postbote ist! Was wäre wenn es raus kommen würde!“

„Hast Du es bemerkt, weil wir nur einen Einkaufswagen hatten?“

„Nein, es war einfach ein Gefühl, das ihr Euch liebt und Euch Nahe seit! Sonnst nichts!“

„Würdet ihr nicht gerne in eine Großstadt ziehen, um euer Leben und Lieben nicht mehr verbergen zu müssen?“

„Wir haben darüber gesprochen, aber wir trauen uns ganz einfach nicht! Wir haben hier unsere Familie, unsere Arbeit und unsere gewohnte Umgebung! Die können wir nicht so einfach zurück lassen!“

Von meinen 25 Jahren in der schwäbischen Kleinstadt kenne ich keinen einzigen Schulfreund oder Kollege, der sich geoutet hätte, keinen Einzigen! Statistisch gesehen ist das schlicht und einfach unmöglich! Ich kannte nur homosexuelle Menschen mit künstlerischem Hintergrund! Ich hoffe wirklich das mehr Toleranz entsteht!

Mir ist natürlich bewusst, das es schrecklicher weise immer noch viele Länder gibt, in der Homosexuelle zu Tode verurteilt werden! Im Vergleich dazu sind die Niederlanden und Deutschland natürlich fantastisch!

Aber bitte, bitte, wie wäre es mit ein wenig mehr Nächstenliebe? Die Akzeptanz das es Menschen gibt, die anders Leben, anders lieben, eben anders sind!

Was soll´s! Na und!

Wenn es jemanden nicht passt, dann finde ich das sie wenigstens in Ruhe gelassen werden könnten! Wäre das nicht das mindeste? 

6 Gedanken zu “MINIMALE AKZEPTANZ: HOMO IN BAYRISCHER KLEINSTADT… UND DAS DING MIT DER KIRCHE…

  1. Sarazz sagt:

    Ich muss sagen: Der Artikel erschreckt mich.
    Ich bin davon ausgegangen, dass Homosexualität hier kein großes Thema mehr ist.
    Dass es immer noch sogenannte christliche Menschen gibt, die von Nächstenliebe reden und gleichzeitig andere verurteilen und ausgrenzen, ist einfach abartig. Die sollte man mal so behandeln. Einfach damit sie mal sehen wie unwürdig und besch***** das ist.
    Jedem das Seine und jeder kann zufrieden sein. Warum fällt das der Menschheit so schwer?

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  2. Alexandra sagt:

    Ich dachte auch, dass wir in Deutschland toleranter sind. Ich verstehe auch nie, wieso das noch diskutiert werden muss, gerade oft auch bei Prominenten, sie werden gefragt, wie es ihnen geht, Reaktionen der Familie etc. Es wird doch auch niemand nach seiner Sexualität gefragt der Heterosexuell ist, ob er da vielleicht irgendwelche Vorlieben etc. hat. Ich finde es gut, wenn Menschen ihren „Lebensmenschen“ finden und das auch leben. Deutschland tut oft sehr tolerant und weltoffen, ich finde es hinkt in vielen Bereichen hinterher. Und was ist schon normal. Normal sind Mann und Frau doch wohl ehr nur weil sie „Nachwuchs“ zeugen können und es um die Arterhaltung geht.

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  3. Namika sagt:

    Danke für den Artikel und die Einblicke – es ist immer wieder erschreckend, was manche Menschen ertragen (müssen), was ihnen verwehrt wird und welches Leid sie sich selbst zufügen aus Gründen, die es nicht geben sollte. Es macht mich betroffen und gleichzeitig wütend…

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